“Belgien und Deutschland denken ähnlich” Autor: Uta Neumann

VRT
Mo 24/10/2011 - 08:36 Uta Neumann Belgien hat einen neuen deutschen Botschafter. Am 12. Oktober, war Dr. Eckart Cuntz bei König Albert II. zur Übergabe des Beglaubigungs-Schreibens. Der 61-jährige in Mannheim geborene Diplomat ist bereits zum 3. Mal in Belgien: Ende der 80er Jahre für die ständige Vertretung bei der EU, Mitte der 90er für 5 Jahre als Kabinettschef des Generalsekretärs des Rates der EU – jeweils in Brüssel. Jetzt will er einen neuen Blick auf das Land werfen und noch mehr über die Vielfalt Belgiens erfahren. Geplant sind vor allem Besuche in den verschiedenen Landesteilen, erzählt der Botschafter für die bilateralen Beziehungen im Gespräch mit Flanderninfo.be.

Herr Botschafter Dr. Cuntz, welches Bild hat Deutschland von Belgien, von Flandern?

Bei all den Diskussionen, die es hier gibt und den verschiedenen Sprachen, ist Belgien eigentlich ein sehr gelungenes Modell dafür, wie Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen erfolgreich zusammenleben können.

VRT

Das ist in gewisser Hinsicht auch ein Vorbild für uns alle in Europa. Zudem ist Belgien wirtschaftlich sogar in der Krise ein erfolgreiches Land. Flandern gehört mit zu den reichsten Regionen der Welt und hat auch besonders enge wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zu Deutschland.

Ich sehe auch, dass man in vielerlei Hinsicht in Belgien, ganz gleich ob in Flandern, Wallonien oder in Brüssel, häufig in eine ähnliche Richtung denkt. Wir sollten daher den Dialog zwischen unseren beiden Ländern noch weiter verstärken.

Welches sind Ihre Pläne, um diesen Dialog weiter zu vertiefen? Schwerpunkte?

Beginnen wir mit der Kultur: Wir haben vor kurzem ein Treffen mit den Kulturmittlern gehabt, das heißt der deutschen Schule, den deutschsprachigen Zweigen der europäischen Schule, Vertretern des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), des Goetheinstitutes, verschiedener Verbände, zum Beispiel des Germanistenverbandes, aber auch der Universitäten und Vertretern deutsch-belgischer Gesellschaften und der Büros der deutschen Bundesländer hier. Wir wollen uns mit bestimmten Themen intensiver befassen, die deutsche Sprache ist für uns besonders wichtig.

In Flandern sieht es gar nicht so schlecht aus, auch wenn die Zahlen der Deutsch Lernenden an den Schulen über die Jahrzehnte zurückgegangen sind. Gerade im Wirtschaftsbereich besteht jedoch großes Interesse an der deutschen Sprache. Zum Beispiel gibt es einen Zuwachs der Studenten an der Universität Antwerpen, die Wirtschaftsdeutsch lernen. Allerdings haben wir noch einen großen Nachholbedarf in Brüssel und Wallonien - natürlich mit Ausnahme der Deutschsprachigen Gemeinschaft. (…) Angesichts der Notwendigkeit der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, sollte der Deutschunterricht auch in Wallonien und Brüssel ausgebaut werden.

Als einen Schwerpunkt haben wir im nächsten Jahr das Deutschlandjahr an der Universität Löwen. In diesem Jahr läuft es noch an der Uni in Antwerpen. Geplant ist außerdem eine deutsch-belgische Konferenz in Brüssel. Partner auf der deutschen Seite ist die Bertelsmann Stiftung, auf der belgischen das Egmont Institut.

Auch dem wissenschaftlichen Bereich müssen wir mehr Aufmerksamkeit widmen. Wir haben ein großes Potenzial in der Zusammenarbeit der Universitäten. (…) Belgien hat einige sehr interessante Forschungsprojekte. Ich will mir das Forschungszentrum in Mol demnächst einmal ansehen.

Natürlich haben wir zwischen Deutschland und Belgien nicht nur gute Zeiten erlebt, zwei Weltkriege kennzeichnen die Geschichte. Ich will sowohl ein Gedenken der Opfer des II. Weltkriegs, als auch am 11. November in Ypern der Opfer gedenken. Ich würde es für gut halten, wenn wir Deutsche und Belgier uns noch mehr über die Geschichte austauschen könnten.

Im Wirtschaftsbereich habe ich vor, demnächst ein Treffen mit den deutschen Wirtschaftsvertretern in Belgien zu veranstalten, um mich darüber zu informieren, wie die Lage ist, wie sie sich weiterentwickelt und was wir gemeinsam tun können.

Mit wem genau wollen Sie sich treffen?

Es gibt ja erhebliche Investitionen von deutschen Unternehmen, die hier zahlreiche Arbeitsplätze gewährleisten, ob das Audi, BASF, Bayer oder Siemens ist. Hier will ich die Frage stellen, wie sieht das mit den Fachkräften und der beruflichen Bildung aus? Der Standort Deutschland und Belgien hängt nämlich auch wesentlich davon ab, ob wir die Fachkräfte finden können, die die richtige berufliche Bildung haben.

Wir haben in Deutschland gute Erfahrungen mit der dualen Ausbildung in den Betrieben und Berufsschulen gemacht. Das eine oder andere deutsche Unternehmen hier denkt daran, wie man nach diesem Modell in Belgien vorgehen könnte. Es sind also Pilotprojekte geplant, die ich aber jetzt nicht nennen will, weil die Unternehmen das selber bekannt geben müssen.

Daneben bin ich natürlich dabei, meine Antrittsbesuche zu machen. Beim König war ich, jetzt kann ich also auch Vertreter der Politik sehen. An diesem Montag steht zum Beispiel ein Besuch in der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Eupen an.

Inwieweit hat sich Ihrem Eindruck zufolge Belgien verändert, seit Sie 1999 hier waren?

Ich bin ja erst seit Ende August hier. In dieser Zeit habe ich erlebt, dass sich Belgien nach einer langen Zeit des Übergangs jetzt anschickt, die Staatsreform zu lösen, einen Haushalt darzustellen, der auch den europäischen Stabilitätskriterien gerecht wird und eine neue Regierung zu bilden. Das ist ein ermutigendes Zeichen für uns alle in Europa. Ich kann aber auch rückblickend sagen, dass diese Übergangsregierung Erstaunliches geleistet hat, man denke nur an die EU-Ratspräsidentschaft im vergangenen Jahr, die glatt über die Bühne gegangen ist.

Natürlich bleibt auch Belgien nicht unberührt von den Erschütterungen der Finanzmärkte, Beispiel Dexia, aber ich glaube, dass die Entwicklungen gerade auch der letzten Zeit zeigen, dass Belgien entschlossen ist, die nationalen, aber auch die europäischen Probleme entschlossen in die Hand zu nehmen.

Stichwort Finanzkrise: In dieser Woche stehen wichtige Entscheidungen an.

Sie haben sich im Laufe Ihrer Karriere viel mit der EU befasst. Welchen Rat haben Sie für die EU-Staats- und Regierungschefs?

Wie die Bundeskanzlerin schon gesagt hat, muss das sorgfältig angegangen werden, so dass dauerhafte Lösungen gefunden werden können. Ich bin überzeugt, dass Belgien dabei auch eine positive Rolle spielen wird.

Wie gefällt Ihnen persönlich eigentlich unser Land? Und was möchten Sie hier für sich erreichen?

Ich bin immer wieder beeindruckt von der Geschichte der Kultur in Belgien. Es gibt vieles was uns seit Jahrhunderten miteinander verbindet. Zum Beispiel sind die alten Hansestädte auch heute noch Glanzpunkte des Städtebildes in Belgien.

Ich interessiere mich sehr für Geschichte und bin erstaunt, dass obwohl Belgien ein so kleines Land ist, es eine solche Vielfalt der Landschaften und auch des Städtebildes hat wie man es selten auf so engem Raum findet: Zum Beispiel die Schluchten in den Ardennen, Landschaften wie das Hohe Venn und dann die flämischen Landschaften, die auch wieder etwas ganz Eigenes für sich haben.

Persönlich möchte ich noch mehr Belgier kennenlernen. Im wohne am Bois de la Cambre (Ter Kamerenbos) in Brüssel, aber ich arbeite mich in die verschiedenen Landesteile Belgiens vor und knüpfe auch dort Kontakte.

Noch eine Frage, die etwas aus dem Rahmen fällt:

Sie waren in verschiedenen Ländern Botschafter, zuletzt in der Türkei. Was war Ihre einschneidenste Erfahrung dort und was, glauben Sie, erwartet Sie hier in Belgien?

Deutschland und die Türkei sind auf besondere Weise menschlich miteinander verbunden. Es gibt über 3 Millionen Menschen in Deutschland, die türkischer Abstammung sind und weit über 4 Millionen Menschen in der Türkei, die früher in Deutschland gelebt und einen Teil Deutschlands aus ihrer kulturellen Erfahrung mit in die Türkei gebracht haben. Ich habe die Türkei als ein wirtschaftlich und politisch äußerst dynamisches Land erfahren, das sicher zu den Ländern zählt, die wir alle - Deutsche, Belgier, die ganze Welt - noch mehr ins Augenmerk ziehen sollten. Die Türkei ist ein Stabilitätsanker in einer Region, die von Krisen immer wieder geschüttelt worden ist. Sie ist ein wichtiger außenpolitischer Spieler, den wir noch mehr in unsere europäischen außenpolitischen Aktivitäten einbeziehen sollten.

Belgien auf der anderen Seite ist ein Gründungsmitglied der EU und als Nachbarland in besonderer Weise mit Deutschland verbunden. (...) Belgien hat die gleichen Herausforderungen wie Deutschland, sei es vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise, in der Außenpolitik oder im Bereich des Umweltschutzes und bei Energiefragen. Die Diskussionen sind ähnlich wie in Deutschland.

Flanderninfo.be: Vielen Dank für das Interview, Herr Botschafter. -  Das Interview führte Uta Neumann.

Eine Zusammenfassung des Interviews auf Niederländisch finden Sie auch unter http://deredactie.be/cm/vrtnieuws/binnenland/1.1139663.


Lesen Sie auch: