Ein Besuch im Museum am Strom Autor: Andy Kockartz

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Di 24/05/2011 - 12:20 Andy Kockartz Nach einigen Tagen Prüfung durch die Antwerpener und einem rauschenden Eröffnungsfest ist im neuen Museum am Strom der Alltag eingekehrt. Das bedeutet, dass jetzt das "normale" Publikum dieses wunderbare Museum und seine reichhaltigen Sammlungen in Augenschein nehmen darf… und soll!

Vorweg darf schon eines bemerkt werden: Nehmen Sie sich für einen Besuch im MAS, wie das Museum am Strom in Antwerpen flott genannt wird, viel Zeit oder kommen Sie gleich mehrmals hierher, denn es gibt viel zu sehen und viel zu erleben.

Das MAS liegt im lange Zeit kaum beachteten Hafenviertel t’Eilandje am Scheldeufer, unweit des historischen Stadtzentrums in Antwerpen.

Belga

Umgeben von vielen alten und gerade erst wiederbelebten Handels-, Lager- und Stapelhäusern errichtete das niederländische Architektenbüro Neutelings Riedijk Architekten ein Gebäude, das so aussieht als habe man mehrere Würfel aufeinander gesetzt. Damit setzten die Architekten mit ihrem Museumsbau den Begriff  "Stapelhaus“ im Sinne des Wortes um…

Errichtet wurde das MAS dort, wo im 16. Jahrhundert das Hansehaus, ein großes Lagerhaus seinen Platz hatte. Der Bau trennt das Bonaparte-Dock in zwei Teile. Im ersten Teil werden nach und nach die schwimmfähigen Schiffe des Antwerpener Seefahrtsmuseum untergebracht und der andere Teil ist der Jachthafen der Stadt. Im und um das Bonaparte-Dock und um das MAS herum sind zudem mehrere historische Kräne zu sehen.

Das Museum ist in gleich mehrere Ausstellungsbereiche aufgeteilt und jedes Stockwerk beherbergt ein Thema. In dieser Besuchsreportage werden drei Bereiche beleuchtet: Weltstadt, Welthafen und das so genannte Schaudepot.

Weltstadt

Hier wird mit historischen Dokumenten, alten Stadtplänen, Fotos und Gemälden, kuriosen Gegenständen, Videofilmen und vielem mehr die Entstehung der Scheldemetropole Antwerpen erzählt.

Schon im 16. Jahrhundert sorgte der Hafen dafür, dass sich Antwerpen zu einer regelrechten Weltstadt entwickelte. Im Laufe der vergangenen fünf Jahrhunderte hat sich Antwerpen rasend schnell entwickelt. Alle wichtigen Eckpunkte dieser Geschichte sind im MAS in der Abteilung "Weltstadt. Von hier und anderswo“ zu finden.

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Ob es nun um historische Landkarten, Plakate für die Weltausstellung 1894, alte Schwarzweiß-Fotos oder um Sprache und Bräuche der Antwerpener geht, alles ist hier zu finden.

Blickfang sind zum Beispiel die Köpfe zweier Pappmaché-Riesen (Foto), die typisch für Antwerpen und Flandern sind. Der Riese Druon Antigon aus dem 16. Jahrhundert zeigt eine legendäre Person aus der Geschichte der Stadt. Seinerzeit erhob er die Zölle für die Durchfahrt der Schelde. Die Riesin Pallas Athene aus dem 18. Jahrhundert steht als Jungfrau von Antwerpen für die Treue zum König und als Göttin auch für Handel und Gewerbe.

Daneben steht ein knallroter Luxuswagen der Marke Minerva von 1930 für die Autostadt Antwerpen. Leider überlebte diese Marke aus Berchem bei Antwerpen die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre nicht. Ursprünglich genossen die Luxuskarossen von Minerva Weltruf und standen der Qualität der Konkurrenten von Rolls Royce in nichts nach.

Die Abteilung Weltstadt beschäftigt sich aber auch mit den Menschen, den Bürgern der Stadt und somit auch mit dem bunten Bevölkerungsmix, der in Antwerpen lebt. Eine erste kleine Sonderausstellung beleuchtet die Ghanaer, die in der Scheldemetropole eine große Gemeinschaft bilden.

Welthafen

Der Führer durch das MAS, ein kleines handliches und hervorragend in Deutsch übersetztes Büchlein, das man im MAS-Shop erwerben kann, sagt mit seinem Eröffnungssatz zum Themenbereich "Welthafen. Von Handel und Schifffahrt“ gleich alles: "Wo Wasser und Land aufeinandertreffen, entstehen Häfen. Sie sind Kreuzungen und Treffpunkte. Menschen aus aller Welt kommen und gehen. Diese handeln mit Waren, tauchen in eine andere Welt ein, bekommen neue Eindrücke, Träume und Ideen.“

Genau das erzählt das MAS in seinem dem Hafen und der Schifffahrt gewidmeten Stockwerk. Antwerpen verdankt seinem Hafen an der Schelde alles, eigentlich seine gesamte Existenz.

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Der Hafen ist ein Tor zur Welt, durch das diese Welt auch den Weg nach Antwerpen findet. Hier begann viele Jahrzehnte lang die Ostindienroute, von hier aus fuhren die Schiffe zu den belgischen Kolonien im Kongo und von hier aus begaben sich viele Auswanderer aus Belgien, den Niederlanden und auch aus Deutschland mit der "Red Star Line“ in die neue Welt, sprich ins gelobte Land Amerika.

Ein Welthafen zieht natürlich auch Industrie an und der Wohlstand einer Metropole, wie Antwerpen, kann nicht entstehen ohne die Arbeit vieler hunderttausend Hände. Das MAS setzt dem Hafenarbeiter mit einer umfassenden Ausstellung zur vermeintlichen Romantik dieses Berufsstandes und zur Sozialgeschichte der Dockarbeiter ein eindrucksvolles Denkmal.

Doch genauso umwerfend, wie die Umsetzung des Themas inhaltlich gesehen ist, so umwerfend ist auch die Vielzahl der Schiffsmodelle aus allen Zeiten der Seefahrt. Wunderbare Handarbeitsmodelle (Foto) voller bester Feinmechanik runden diese Abteilung zu einem Ganzen ab und hinterlassen staunende Kinderaugen - auch und gerade bei erwachsenen Besuchern…

Das Schaudepot

In dieser Abteilung des Museums, in dem ein Besuch wärmstens empfohlen wird, lagern rund 180.000 Objekte, die derzeit nicht im Museum als solchem ausgestellt sind. Und doch sind viele davon zu sehen. Volle Regale, bunt behangene Wände, die vor Gemälden nur so überquellen, Schubfächer, die abertausende Geheimnisse aufbewahren und wiederum staunende Besucher, die sich zaghaft daran wagen, wo es möglich ist, das eine oder andere Schubfach zu öffnen.

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Hinter Glas sind direkt massenhaft Gegenstände aller Art zu entdecken, doch wenn man die einzelnen Laden öffnet, zeigen sich weitere Welten. Und hier vermag so manches Kleinod trotz aller Größe dieses monumentalen Museumsbaus den Betrachter zu rühren.

Eine dieser Laden zeigt anhand einiger vergilbter Fotos, eines Ausweises, von Briefen, eines Heuer- und Soldbuchs und anderer kleiner Gegenstände und Anekdoten nicht mehr und nicht weniger als das ganze Leben eines Seefahrers aus Antwerpen. Diese unscheinbare Schublade fasst eigentlich alles zusammen, was das MAS erzählen will: Das Leben in und mit Antwerpen und seines Hafens.

Die kleinen aber feinen Präsentationen im Schaudepot werden wohl ab und zu angesichts der Fülle der hier vorhandenen Schätze neu aufgebaut. Den Themenbergriff "Das Schaudepot. Von Sammeln und von den Sammlern“ unterstreicht der Schlusssatz des Eröffnungstextes des MAS-Führers: "Willkommen in der Schatzkammer des MAS!“ Dem ist nichts hinzuzufügen…

Museum Aan de Stroom

Hanzestedenplaats 1
2000 Antwerpen

Alle Infos finden Sie auf der hervorragend gestalteten und übersetzten Webseite des MAS www.mas.be