Aus Braunschweig zum Gedenken nach Roselies Autor: Das Interview führte Uta Neumann

So 24/08/2014 - 15:02 Das Interview führte Uta Neumann Während die Welt den 100. Jahrestag des Ausbruchs des I. Weltkriegs gedenkt, wird sich die Stadt Braunschweig Dank der Informationskampagne einer Bürgerinitiative eines schwarzen Kapitels seiner Geschichte bewusst. Das Braunschweiger Husaren-Regiment 92 zerstörte am 22. und 23. August 1914 beim Durchmarsch durch Belgien gen Frankreich die Ortschaft Roselies und ging besonders brutal dabei vor. Der Deutsche Peter Rosenbaum, Ratsherr der Stadt Braunschweig und Mitbegründer der Bürgerinitiative Braunschweig (BIBS), hat am vergangenen Freitag und Samstag auf eigene Initiative hin an den Gedenkfeiern in Aiseau-Presles, dem Ort, zu dem Roselies gehört, teilgenommen. "Meine Frau und ich waren von den Gedenkfeiern sehr betroffen, als Deutsche auch beschämt", schreibt Rosenbaum nach den Gedenkfeiern in einem E-Mailinterview.

Flanderninfo.be: Herr Rosenbaum, Sie sind aus Braunschweig auf eigene Initiative hin und privat zu den Gedenkfeiern nach Aiseau-Presles, dem Ort, zu dem Roselies gehört, gefahren. Diese Ortschaft wurde im August 1914 vom deutschen Husaren-Regiment 92 aus Braunschweig fast völlig zerstört. Hat denn kein Vertreter der Stadt Braunschweig ein Interesse gezeigt, offiziell an den Gedenkfeiern teilzunehmen?

Peter Rosenbaum: Die Bedeutung des Namens Roselies war wohl niemandem in Braunschweig bewußt und spätestens nach 1945 offensichtlich verdrängt. Jetzt ist Roselies ein Thema, nachdem wir als Bürgerinitiative am 15. Juli 2014 in der Ratsversammlung nachgefragt und durch Verteilung von 8.000 Flugblättern im betreffenden Braunschweiger Roselies-Wohnquartier die Bevölkerung informiert haben.

Nun gibt es Aufarbeitungen zum 1. Weltkrieg vor hundert Jahren, da bedarf es weiterer Aufklärungsarbeit, auch von offizieller Seite.

Wie haben Sie als Deutscher aus Braunschweig die Gedenkfeiern erlebt?

Meine Frau und ich waren von den Gedenkfeiern sehr betroffen, als Deutsche auch beschämt. Vor allem hat uns am Freitag Abend der lange Marsch der Einwohner durch Tamines (in Erinnerung des letzten Gangs ihrer ermordeten Vorfahren vor hundert Jahren) zum Place St.Martine tief berührt.

Was hatte Sie dazu bewegt, die Bürgerinitiative BIBIS zu gründen und die Geschichte hinter "Roselies" in der Bevölkerung bekannter werden zu lassen?

Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist ein wesentlicher Bestandteil von Bürgerinitiativ-Arbeit in Braunschweig. Es muß Schluss sein mit der Verklärung eigener Schuld. Nur so kann echte Verbundenheit entstehen. Der gemeinsam verwendete Name ist da Verpflichtung und Chance zugleich.

Braunschweigs Oberbürgermeister Ulrich Markurth (SPD) hat inzwischen ein offizielles Schreiben an den Generaldirektor der Gemeinde Aiseau-Presles, zu der Roselies gehört, gesandt. In dem regt der niedersächsische Bürgermeister aufgrund der neuesten Erkenntnisse zu den damaligen Ereignissen eine „Art Erinnerungspartnerschaft“ mit Aiseau-Presles an. Reicht das als Erinnerung aus?

Ich hoffe, der Brief aus Braunschweig ist noch rechtzeitig zum 22. August in Aiseau Presles und Roselies eingetroffen? Erinnerung geht nur mit Aufklärung über die eigene Rolle und die eigene Schuld. Für mich wäre ein Eingeständnis der Kriegsverbrechen von vor hundert Jahren ein Anfang.

Warum dauerte es überhaupt so lange, bis Braunschweig seine Vergangenheit in Bezug auf die Ereignisse in Roselies im August 1914 begann, aufzuarbeiten?

Das fragten wir uns auch. Wir sind nun mit Nachdruck dabei, darauf die Antworten zu finden.

Welche Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen nehmen Sie von Roselies jetzt mit nach Braunschweig zurück?

Vor Ort überwogen Gefühle der Scham und der Betroffenheit. Jetzt, hier in Braunschweig, wächst der Wunsch, durch Anteilnahme an den Ereignissen zu einer Verbundenheit zu kommen, die sich im Namen Roselies ausdrücken möge.


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