Lüttich 1914: Verspätung für den "Schlieffen-Plan" Autor: A.Kockartz

Le Mirroir
Do 07/08/2014 - 11:43 A.Kockartz Die Schlacht um die Ardennenmetropole Lüttich am Ufer der Maas war für die deutschen Streitkräfte ein wichtiger Ausgangspunkt für die weitere Besetzung Belgiens. Eigentlich wollte man diesen wichtigen Straßen- und Eisenbahnknotenpunkt im Handstreich erobern, doch die Deutschen stießen hier auf heftigen Widerstand. Fast zwei Wochen dauerte der Kampf um Lüttich.

Der deutsche Generalstab hatte bei der Umsetzung des Schlieffen-Plans den Widerstand der Belgier wohl deutlich unterschätzt. Die Risiken, auf die die deutschen Strategen in Berlin beim Angriff auf Belgien eingegangen waren, erwiesen sich als Fehler im Konzept. Der Widerstand der belgischen Armee und auch deren Feldstärke waren grob unterschätzt worden. Die Verluste waren hoch und die Verzögerung des als Handstreich geplanten Durchmarsches durch das Königreich Belgien sorgten für erste Repressalien gegen die Zivilbevölkerung.

Der schon 1905 verfasste Angriffsplan, der nach Generalstabschef Alfred von Schlieffen benannte „Schlieffen-Plan“, wurde von dessen Nachfolger Helmuth von Moltke in dem Punkt angepasst, als das dieser auf einen Angriff auf die ebenfalls neutralen Niederlande verzichtete. Dadurch mussten die 1. und die 2. deutsche Armee auf engerem Raum an der deutsch-belgischen Grenze am Vier-Länder-Punkt (Belgien, Deutschland, die Niederlande und Neutral-Moresnet) in Belgien einfallen.

Im Weg stand zunächst Lüttich mit seinem engmaschigen Netz von Festungen. Lüttich mit seinen wichtigen Straßen und Bahnverbindungen ins belgische Inland musste also schnell genommen werden. Die belgische Truppenstärke wurde auf 6.000 Mann plus etwa 3.000 Reservisten bzw. Gendarmen geschätzt. Der deutsche Generalstab nannte die belgische Armee abschätzig übrigens „Praliné-Soldaten“ und eine Truppe, die schnell zu überrumpeln sei.

Tatsächlich aber betrug die Zahl der Soldaten, über die der vom belgischen König am 4. August 1914 mit der Verteidigung der Festung beauftragte General Gérard Leman nach der raschen Mobilmachung am 5. August gebot, fast 40.000 Mann. Die seit dem Morgen des 4. August in Aachen, Eupen und Malmedy bereitstehende deutsche Angriffsgruppe (die 11., 14., 27., 34., 38. und 43. Infanterie-Brigade sowie die 2., 4. und 9. Kavallerie-Division) war damit eigentlich unterlegen, wie sich herausstellte.

Blutiges Desaster

Im Laufe des ersten Angriffstages am 4. August 1914 konnten die deutschen Truppen unter dem Oberbefehl von General Otto von Emmich schnell und unter Beseitigung von sporadischem Widerstand auf Lüttich vorrücken und die Maasstadt Visé (zwischen Maastricht und Lüttich) wurde rasch erreicht. Doch aufgrund von heftigem Artilleriefeuer aus dem Fort Barchon mussten die Deutschen den Ort wieder räumen. Das Vorhaben, Lüttich an den Folgetagen (5. und 6. August) zu knacken allerdings endete in einem blutigen Desaster.

Die Belgier schickten einen deutschen Emissär mit der Nachricht „Erkämpft Euch den Durchmarsch!“ zurück zum Absender. Schon bei Herstal bliebt der deutsche Angriff im blutigen Häuserkampf liegen. Der Mangel an Munition und heftiger Widerstand von Seiten der Verteidiger ließen am Morgen des 6. August sogar zum Rückzug blasen. Auch andere bereits besetzte Vororte Lüttichs mussten durch das Feuer aus den umliegenden Forts wieder aufgegeben werden. Aber, es konnten zwei Maasbrücken unzerstört eingenommen werden.

Erste belgische Posten fallen

Am 8. August übergab das Oberkommando der 2. Armee Kavallerie-General Karl von Einem den Befehl über alle Korps, die bis dahin zum Überwinden der Lütticher Festungsanlagen herangeführt worden waren. Inzwischen war auch die schwere deutsche Artillerie herangebracht worden, u.a. das Eisenbahngeschütz „Dicke Bertha“.

Paul Hermans

Am gleichen Tag fiel mit dem Fort Barchon die erste Lütticher Festung, den deutschen Einheiten gelang der Angriff auf die weniger gesicherte Rückseite des Forts. Drei Tage später hatten die deutschen Geschütze auch Fort Evegnée sturmreif geschossen. Und am Abend des 14. August waren auch alle Forts im Süden des Lütticher Festungsrings geknackt und eingenommen. Einen Tag später war der Westen dran.

Ein Volltreffer eines deutschen Artilleriegeschosses auf das Munitionslager von Fort Loncin gab der belgischen Verteidigung den Rest. Durch die Detonation starben hunderte Soldaten und die Statik der Festung war dahin. General Gérard Leman, der seit dem 6. August von dort aus die Verteidigung leitete, geriet bewusstlos in deutsche Kriegsgefangenschaft. Am 16. August gaben auch die restlichen belgischen Stellungen auf und der Weg in die Stadt Lüttich war frei.

Ziel erreicht

Eigentlich hatte die deutsche Führung trotz des nach militärischen Gesichtspunkten gescheiterten „Handstreichs“ die mit der Eroberung Lüttichs verfolgten Ziele erreicht. Aber, der hierfür nötige Aufwand und die erlittenen äußerst hohen Verluste waren weitaus größer als in der Planung gut zehn Jahre vorher berechnet.

Bereits am 15. August war die Eisenbahnlinie von Aachen nach Lüttich über den Grenzübergang Herbesthal wieder völlig betriebsfähig. Dadurch wurde der Nachschub an Soldaten und Material für die 1. Armee sichergestellt.

Dies ermöglichte danach die erfolgreichen Angriffe auf die belgischen Gete-Stellung zwischen Halen und Tienen in Flämisch-Brabant in der so genannten „Schlacht an der Gete“, die am 18. und 19. August zum Rückzug des belgischen Heeres in Richtung Antwerpen und zum Fall Löwens am 19. August sowie zur Besetzung Brüssels am 20. August 1914 führten.