Das andere Gesicht von Molenbeek Autor: Uta Neumann

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Di 25/10/2016 - 14:34 Uta Neumann "Mit jedem investierten Euro werden 2,74 Euro zusätzlich geschaffen." Mit diesem Satz werben EU-Politiker gerne, wenn es darum geht, der Bevölkerung die europäische Kohäsionspolitik zu erklären, das heißt, die Investitionspolitik der EU, die sich an die Regionen und Städte in den 28 Mitgliedsländern richtet. Investiert wird nach dem Prinzip, dass sowohl die EU als auch die nationalen Haushalte Gelder für förderungswürdige Projekte beisteuern, das heißt kofinanzieren. Förderungswürdig sind zum Beispiel Projekte wie das "Hotel Belle-Vue Centre", "ART2WORK", oder "Molenbeek Entreprise Centre", die sich allesamt im Brüsseler Stadtteil Molenbeek befinden.

Es ist ein Mittwochmorgen im Oktober und Europäische Woche der Regionen und Städte: Zwei Busse mit Journalisten an Bord schleichen durch Molenbeek. Das ist der Brüsseler Stadtteil, der seit den Anschlägen von Paris und Brüssel auch in ausländischen Medien von sich Reden gemacht hat und in vielen Köpfen immer noch als Problemviertel verankert ist.

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Doch Molenbeek hat auch ein anderes Gesicht. Die Gemeinde gehört mit sechs weiteren der insgesamt 19 Stadtvierteln Brüssels zur Kanalzone und die wird von der EU über den EFRE-Fonds (Europäischer Fonds für regionale Entwicklung) besonders gefördert: Im Zeitraum 2007-2013 mit insgesamt 32 Projekten in der so genannten Kanalzone und mit 47 Projekten für das aktuelle Förderprogramm 2014-2020 in einer erweiterten Zone.

Die Busse mit der internationalen Journalistentraube und auch einigen Vertretern von Städten und Gemeinden aus ganz Europa halten vor dem "Hotel Belle-Vue Centre", einem über EFRE geförderten Vorzeigeprojekt. Der Komplex liegt direkt am Kanal in Molenbeek auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei.

Förderungswürdiges Potenzial

Dieser Kanal, erklärt der Stadtführer, ein Freelance-Journalist, wurde im 19. Jahrhundert hierher gelegt, damit er die damalige Bergbaustadt Charleroi und Brüssel miteinander verbindet. Brüssel, einst auch "Little Manchester" genannt, wurde zur Industriestadt. Seine industrielle Vergangenheit kann man heute noch, von der Terrasse des Brauereigebäudes aus, gut erkennen.

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Trotz Nieselwetters reicht die Sicht weit über die Dächer Molenbeeks und es fallen vor allem die brach liegenden Gelände entlang des Kanals auf.

"In dieser Zone bewegt sich etwas, hier ist das Potenzial groß, hier lohnt es sich, zu investieren", lautet der Tenor lokaler und Brüsseler Politiker. Die Gegend will deindustrialisiert, attraktiver und zu einem Ort umgestaltet werden, in dem die Bürger gut leben können. Die Molenbeeker sollen mit der Brüsseler Innenstadt "verbunden" werden, Touristen wegen des kulturellen Angebots hierherkommen, nicht im Zuge eines "Katastrophentourismus". Vor allem aber ist das Ziel der Projekte in der Kanalzone, u.a. neue Arbeitsplätze zu schaffen, neue Unternehmen und Start-ups anzuziehen - am besten lokale, damit die Anwohner auch mit einbezogen werden - und die Wirtschaft anzukurbeln, denn das macht die Projekte förderungswürdig.

Orientierungshilfe

Die alte Mälzerei auf dem ehemaligen Brauereigelände am Kanal in Molenbeek wurde zum Beispiel nach Niedrigenergiestandards renoviert, und ein neues Passivgebäude beherbergt heute das Ausbildungshotel "Belvue" für gering qualifizierte Arbeitssuchende. Das 3-Sterne Hotel mit 29 Gästezimmern ist das erste dieser Art in Brüssel und es hat sich verpflichtet, 115 junge Leute jedes Jahr in enger Zusammenarbeit mit dem lokalen Schulungszentrum auszubilden und mit seinem Netzwerk, den jungen Leuten bei der Jobsuche nach Abschluss der Ausbildung zu helfen.

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Auch "ART2WORK" ist in dem Komplex auf dem ehemaligen Brauereigelände untergebracht. Es ist ein weiteres ERDF-gefördertes Projekt. ART2WORK wird in einer ganz eigenen, eher ungewöhnlichen Weise die unentschlossene Jugend auf ihrem Weg in die Arbeitswelt unterstützen. Das Projekt will jungen Leuten bei der Orientierung in ihrem Leben helfen. "Wir versuchen, ein Labor zu sein, das auf eine andere Art, jungen Menschen hilft, die nicht wissen, was sie machen sollen und keine Arbeit haben, aber arbeiten wollen, ihren Weg zu finden, auch auf dem Arbeitsmarkt", betont der Direktor von ART2WORK, Wim Embrechts (kleines Foto im Text). "Wir wenden neue Methoden an, kochen zum Beispiel zusammen oder spielen gemeinsam Theater."

"Wir wollen Deine Geschichte"

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"Wir reden auf andere Weise miteinander, hören uns gegenseitig zu. Wir machen das nicht auf schulische Art und Weise. Es steht also kein Lehrer vorne und sagt, was gemacht werden muss. Wir versuchen, die jungen Leute durch Dinge, die sie hören, die sie machen müssen, selbst entdecken zu lassen, wer sie sind und was sie im Leben machen könnten." Von all den Lebensgeschichten der anderen Menschen könne man lernen und irgendwann soll auch einmal eine Theaterproduktion daraus entstehen, erklärt Embrechts. Er nennt das "story to work".

Wie das Wort ART2WORK schon andeutet, soll den jungen Menschen die Kunst des Arbeitens vermittelt werden. Hierzu gehöre auch eine gewisse Arbeitskultur, so Embrechts. Gleichzeitig werde eine Verbindung zum Kunstsektor gelegt. Unter den Coaches sind auch Künstler, "weil Künstler jemanden auf andere Weise betrachten. Ein Künstler wird die Grenzen öffnen und versuchen, zu verschieben."

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Beim Betreten der kreativen 600 m2-Bürofläche fällt ein langer, einladender Ess- und wohl auch Konferenztisch auf, auf dem Karten verstreut liegen, die Menschen ohne Gesichter abbilden. Auf den Karten werden junge Leute, deren Leben auf einmal eine Wendung genommen hat, aufgefordert, ihre Geschichte aufzuschreiben, um andere junge Leute zu motivieren. "Wir wollen Deine Geschichte", steht auf den Karten. Wenn das nicht Lust macht, mitzumachen!? Die eigene Geschichte kann auf die künftige Webseite von ART2WORK.BE gepostet werden.

Unterstützt wird jeder, der keinen Abschluss hat, arbeiten will und höchstens 30 Jahre alt ist. Es müssen nicht nur Einwohner Molenbeeks sein, auch andere junge Leute aus der Brüsseler Innenstadt, aus Anderlecht oder anderen Stadtteilen seien willkommen, betont der Direktor noch.

Das Konzept besteht seit 2007. Neustart des Projekts mit frischen, innovativen Ideen ist an diesem Mittwoch, 26.Oktober 2016.

"Alles ist möglich"

Ibrahim Ouassari (kleines Foto im Text) aus Molenbeek hat seinem Leben eine solch unglaubliche Wendung gegeben.

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Seine Geschichte ist zum Beispiel eine, die man sicher gerne im Internet teilt, um anderen jungen Leuten Mut zu machen.

Ibrahim hat marokkanische Wurzeln. Er ist in Molenbeek aufgewachsen, brach die Schule mit 13 Jahren ab, hat sich danach mit kleineren Jobs durchgeschlagen. Mit 20 kaufte er sich einen Computer, entdeckte das Internet und die neuen Technologien und gründete ein Unternehmen. Heute hat er rund 20 Angestellte, sein Unternehmen läuft gut.

"Alles ist möglich", sagt Ibrahim. Er ist der Mitbegründer des Projekts "MolenGeek".

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MolenGeek bereitet aufstrebende Jungunternehmer auf ihre künftigen Aktivitäten vor. MolenGeek, übrigens ein Wortspiel aus Molenbeek und dem amerikanischen "geek" für Computerfreak, ist "ein offener Ort der Zusammenarbeit, an dem junge Leute aus Molenbeek und aus anderen Gegenden gemeinsam an einem Unternehmensprojekt arbeiten. Sie können hier ihren Traum in ein echtes Projekt verwandeln und zum Beispiel ein Unternehmen gründen und damit vielleicht in Zukunft auch Arbeitsplätze schaffen", erklärt Ouassari.

"Wir stellen alle modernen Hilfsmittel hierfür zur Verfügung. Wir lassen zum Beispiel Fachleute kommen, die ihnen mit Rat und Tat in Sachen Finanzen, Teamarbeit oder Zukunftstechnologien zur Seite stehen." Besonders wichtig sei, dass man den jungen Leuten des 'Quartiers' Selbstvertrauen gebe, ihnen Mut mache und erkläre, dass sie fähig seien, das zu schaffen. Seine Botschaft lautet deshalb: "Du kannst im Laufe Deines Lebens noch aufholen und es schaffen" - wie Ibrahim selbst es geschafft hat!

Kohäsionspolitik

Die Kohäsionspolitik verfügt über drei Hauptfonds:

EFRE - Europäischer Fonds für regionale Entwicklung
EFRE soll die regionale wirtschaftliche und soziale Kohäsion durch Investitionen in wachstumsfördernde Branchen zur Förderung der Wettbewerbsfähigkeit und Schaffung von Arbeitsplätzen stärken. Über den EFRE werden auch grenzüberschreitende Kooperationsprojekte finanziert, so die Europäische Kommission.

ESF - Europäischer Sozialfonds
"ESF investiert in Menschen. Sein Schwerpunkt liegt auf der Verbesserung der Beschäftigungs- und Bildungschancen. Er soll auch von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohte Menschen unterstützen."

Kohäsionsfonds

"Der Kohäsionsfonds investiert in umweltfreundliches Wachstum und nachhaltige Entwicklung und verbessert die Vernetzung in Mitgliedstaaten mit einem BIP, das unter 90% des EU-(28)-Durchschnitts liegt." Für Belgien spielt der Kohäsionsfonds also keine Rolle, denn mit Ausnahme des Hennegaus besteht Belgien aus besser entwickelten Regionen.

Im neuen Förderprogramm 2014 - 2020 ist erstmals in Europa durch die Region Brüssel Haupstadt eine Umverteilung der Mittel für den strukturellen Umbau und die Renovierung von Gebäuden für Flüchtlinge beantragt worden. Nächsten Monat soll dieser Antrag genehmigt werden.

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Europäische Woche der Regionen und Städte

In der Europäischen Woche der Regionen und Städte – Open Days kommen jedes Jahr Vertreter von Regionen und Städte mit Fachleuten in Brüssel zusammen, um sich "über bewährte Verfahren und Wissen über die Regional- und Stadtentwicklung auszutauschen". Daneben ist es eine Plattform für die Kommunikation über die Entwicklung der Kohäsionspolitik der EU.

Aussicht von der Terrasse der alten Brauerei

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Am Kanal in Molenbeek

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